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Künstliche Intelligenz und Physiognomik

Autorenbild: Markus Straubinger
Markus Straubinger
11. Sept.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Das Wissen, das sich KI aneignet, verdoppelt sich Schätzungen zufolge bereits alle drei bis vier Monate. KI ist damit eine technologische Entwicklung von einer Dynamik, wie es sie bislang kaum gegeben hat. Gleichzeitig schreitet auch die Entwicklung humanoider Roboter mit hoher Geschwindigkeit voran. Die Arbeitswelt könnte sich dadurch grundlegend verändern. Experten gehen davon aus, dass weltweit Millionen von Arbeitsplätzen wegfallen könnten – insbesondere in der Verwaltung, im kaufmännischen Bereich, aber auch in Berufen wie Übersetzer, Buchhalter, Analysten, Juristen, Lehrpersonen oder in der universitären Forschung. KI-Tools und humanoide Roboter könnten die Beschäftigung von Menschen in vielen Branchen zunehmend unwirtschaftlich machen. Bereits heute hören wir von grossen Unternehmen wie Nestlé, die ihren Personalbestand deutlich reduzieren wollen: Das Unternehmen plant, bis Ende 2027 rund 16.000 Stellen abzubauen, davon etwa 12.000 in administrativen und professionellen Funktionen. Gleichzeitig berichten Medien laufend über Stellenabbau in unterschiedlichsten Branchen. Dadurch stellt sich immer dringlicher die Frage: Wo sollen all diese Menschen künftig eine neue Arbeit finden?

Ob Geoffrey Hinton mit seinen eher düsteren Prognosen recht behalten wird oder nicht, bleibt abzuwarten. Eine zentrale Herausforderung dürfte jedoch die Frage nach Sinn und Orientierung sein: Ohne Arbeit könnten viele Menschen Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu strukturieren oder sich als nützlich zu empfinden. Für zahlreiche Menschen ist ihre berufliche Tätigkeit ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität und ihres Lebenssinns. Gleichzeitig wird bereits heute eine Zunahme psychischer Belastungen wie Depressionen, Burnout und anderen seelischen Problemen beobachtet. Studien zeigen, dass allein in Deutschland die Krankentage wegen Belastungsreaktionen 2025 bei knapp 119 pro 100 Versicherte lagen – ein Anstieg von fast 80% gegenüber 2017. Begriffe wie „KI-Burnout“ oder „Technostress“ beschreiben dabei neue Formen mentaler Erschöpfung im Kontext von KI-gestützter Arbeitswelt.



Gleichzeitig wirft diese Entwicklung grundlegende Fragen auf. Je stärker Entscheidungen an technische Systeme delegiert werden, desto bedeutender wird die bewusste Auseinandersetzung mit Verantwortung, Urteilsvermögen und menschlicher Entscheidungsfähigkeit. KI lernt auf Basis von Daten, Algorithmen und Optimierungsprozessen – entscheidend bleibt jedoch, welche Werte, Zielsetzungen und Denkweisen ihrer Entwicklung und Anwendung zugrunde liegen. Studien warnen davor, dass bei schlecht gestalteten Review-Prozessen eine „Oversight Illusion" entstehen kann: Menschen sind formal verantwortlich, haben aber nicht die Kapazität, KI-Entscheidungen sinnvoll zu bewerten. Rechtlich bleibt die Verantwortung klar beim Menschen – Algorithmen sind keine Rechtssubjekte, und eine Haftung lässt sich nicht auf „den Algorithmus" abwälzen.


Auch wenn künstliche Intelligenz in vielen Bereichen erstaunliche Leistungen erbringen kann, bleibt fraglich, ob menschliches Bewusstsein, Intuition, Empathie und innere Erfahrung vollständig technisch nachgebildet werden können. Gerade darin liegt möglicherweise ein wesentlicher Unterschied zwischen maschineller Informationsverarbeitung und menschlichem Erleben. Studien zeigen, dass KI zwar Muster erkennen und sprachlich komplex reagieren kann, aber kein subjektives Erleben im Inneren hat. Menschliche Expertise beruht auf Jahren von ungeschriebenen, impliziten Erfahrungen – eine Form von Intuition, die KI nicht replizieren kann. Und während KI empathisch wirkende Antworten generieren kann, bleiben echte emotionale Resonanz und tiefes menschliches Verständnis weiterhin menschliche Fähigkeiten.






Wenn künstliche Intelligenz auf Knopfdruck Bilder, Analysen oder Einschätzungen über Menschen bereitstellt, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit wir solchen Ergebnissen vertrauen sollten. Könnte es nicht sein, dass der Mensch zunehmend dazu neigt, seine eigene Wahrnehmung, Intuition und Urteilskraft zu vernach- lässigen, wenn technische Systeme immer mehr vorbereiten oder gar Entscheidungen abnehmen? Je grösser die Abhängigkeit von algorithmischen Prozessen wird, desto schwieriger könnte es werden, zwischen Echtheit und Inszenierung sowie zwischen authentischer Wahrnehmung und künstlich erzeugten Eindrücken zu unterscheiden. Gerade im Personal-Rekrutierungsprozess gewinnt diese Frage besondere Bedeutung: Wie viel menschliche Beurteilung darf durch maschinelle Einschätzungen ersetzt werden, ohne dass wesentliche Aspekte der Persönlichkeit und des menschlichen Ausdrucks verloren gehen?



 
 
 

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