

Es stellt sich die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig in der physiognomischen Analyse einnehmen wird: als sinnvolle Ergänzung menschlicher Wahrnehmung und Interpretation oder als potenziell bedrohlicher Konkurrent?
Geoffrey Hinton, ehemaliger KI-Forscher bei Google und einer der bekanntesten Pioniere im Bereich der künstlichen Intelligenz, hat sich in den letzten Jahren zunehmend kritisch gegenüber der Technologie ge- äußert, an deren Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Hinton warnt sogar davor, dass KI zu einer ernst- haften Bedrohung für die Menschheit werden könnte. Das Gefährliche ist dabei weniger die Komplexität künstlicher Gehirne – hier ist der Mensch der KI noch deutlich überlegen. KI-Modelle können jedoch enorme Datenmengen sammeln und auswerten und dadurch wesentlich schneller lernen. Zudem können mehrere Instanzen eines Modells parallel lernen und ihr Wissen unmittelbar miteinander teilen. Genau das ist dem Menschen nicht möglich.
Das Wissen, das sich KI aneignet, verdoppelt sich Schätzungen zufolge bereits alle drei bis vier Monate. KI ist damit eine technologische Entwicklung von einer Dynamik, wie es sie bislang kaum gegeben hat. Gleichzeitig schreitet auch die Entwicklung humanoider Roboter mit hoher Geschwindigkeit voran. Die Arbeitswelt könnte sich dadurch grundlegend verändern. Experten gehen davon aus, dass weltweit Millionen von Arbeitsplätzen wegfallen könnten – insbesondere in der Verwaltung, im kaufmännischen Bereich, aber auch in Berufen wie Übersetzer, Buchhalter, Analysten, Juristen, Lehrpersonen oder in der universitären Forschung. KI-Tools und humanoide Roboter könnten die Beschäftigung von Menschen in vielen Branchen zunehmend unwirtschaft- lich machen. Bereits heute hören wir von grossen Unternehmen wie Nestlé, die ihren Personalbestand deut- tlich reduzieren wollen: Das Unternehmen plant, bis Ende 2027 rund 16.000 Stellen abzubauen, davon etwa 12.000 in administrativen und professionellen Funktionen. Gleichzeitig berichten Medien laufend über Stellen- abbau in unterschiedlichsten Branchen. Dadurch stellt sich immer dringlicher die Frage: Wo sollen all diese Menschen künftig eine neue Arbeit finden?
Ob Geoffrey Hinton mit seinen eher düsteren Prognosen recht behalten wird oder nicht, bleibt abzuwarten. Eine zentrale Herausforderung dürfte jedoch die Frage nach Sinn und Orientierung sein: Ohne Arbeit könnten viele Menschen Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu strukturieren oder sich als nützlich zu empfinden. Für zahlreiche Menschen ist ihre berufliche Tätigkeit ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität und ihres Lebens- sinns. Gleichzeitig wird bereits heute eine Zunahme psychischer Belastungen wie Depressionen, Burnout und anderen seelischen Problemen beobachtet. Studien zeigen, dass allein in Deutschland die Krankentage we- gen Belastungsreaktionen 2025 bei knapp 119 pro 100 Versicherte lagen – ein Anstieg von fast 80% gegen- über 2017. Begriffe wie „KI-Burnout“ oder „Technostress“ beschreiben dabei neue Formen mentaler Erschöpf- ung im Kontext von KI-gestützter Arbeitswelt.
WAS VERSPRICHT KI ZU SEIN?
Künstliche Intelligenz scheint eine neue Qualität technologischer Entwicklung mit sich zu bringen. Systeme können heute Inhalte eigenständig generieren, und selbst Expertinnen und Experten fällt es teilweise schwer nachzuvollziehen, wie genau diese Ergebnisse im Detail zustande kommen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die grundlegende Frage, womit wir es bei KI eigentlich zu tun haben. Ist sie ein grosser Hoffnungsträger für Fortschritt und Innovation – oder birgt sie das Potenzial, die Welt, wie wir sie kennen, tiefgreifend zu verändern oder gar zu destabilisieren?
Wohin führt diese Entwicklung? Wird KI uns wirklich verstehen können? Welche Risiken gehen von ihr aus, und wie stark wird sie unser Leben in Zukunft prägen? Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage nach ihren Chancen: Welche Vorteile eröffnet sie uns?
Bleibt KI letztlich ein Werkzeug in menschlicher Hand – oder entwickelt sie sich in eine Richtung, die sich unserer direkten Kontrolle zunehmend entzieht? Fragen über Fragen.
NIMMT UNS KI WICHTIGE ENTSCHEIDUNGEN AB?
Die Entwicklung künstlicher Intelligenz eröffnet zweifellos beeindruckende Möglichkeiten. KI erleichtert den Zugang zu Wissen, unterstützt innovative Projekte und kann in vielen Bereichen wertvolle Fortschritte ermög- lichen – von medizinischer Forschung über intelligente Mobilität bis hin zur Bewältigung globaler Heraus- forderungen.
Künstliche Intelligenz ist daher nicht per se etwas Negatives. Ihre Fähigkeit, grosse Datenmengen in kurzer Zeit zu analysieren und komplexe Prozesse effizient zu unterstützen, eröffnet neue Perspektiven für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Dennoch warnen Studien davor, dass KI auch neue Risiken mit sich bringt – von automatisierten Entscheidungsprozessen über Haftungsfragen bis hin zu voreingenommenen oder diskrimi- nierenden Modellen.
Gleichzeitig wirft diese Entwicklung grundlegende Fragen auf. Je stärker Entscheidungen an technische Systeme delegiert werden, desto bedeutender wird die bewusste Auseinandersetzung mit Verantwortung, Urteilsvermögen und menschlicher Entscheidungsfähigkeit. KI lernt auf Basis von Daten, Algorithmen und Optimierungsprozessen – entscheidend bleibt jedoch, welche Werte, Zielsetzungen und Denkweisen ihrer Entwicklung und Anwendung zugrunde liegen. Studien warnen davor, dass bei schlecht gestalteten Review-Prozessen eine „Oversight Illusion" entstehen kann: Menschen sind formal verantwortlich, haben aber nicht die Kapazität, KI-Entscheidungen sinnvoll zu bewerten. Rechtlich bleibt die Verantwortung klar beim Menschen – Algorithmen sind keine Rechtssubjekte, und eine Haftung lässt sich nicht auf „den Algorithmus" abwälzen.
Auch wenn künstliche Intelligenz in vielen Bereichen erstaunliche Leistungen erbringen kann, bleibt fraglich,
ob menschliches Bewusstsein, Intuition, Empathie und innere Erfahrung vollständig technisch nachgebildet werden können. Gerade darin liegt möglicherweise ein wesentlicher Unterschied zwischen maschineller Informationsverarbeitung und menschlichem Erleben. Studien zeigen, dass KI zwar Muster erkennen und sprachlich komplex reagieren kann, aber kein subjektives Erleben im Inneren hat.
Menschliche Expertise beruht auf Jahren von ungeschriebenen, impliziten Erfahrungen – eine Form von Intuition, die KI nicht replizieren kann. Und während KI empathisch wirkende Antworten generieren kann, bleiben echte emotionale Resonanz und tiefes menschliches Verständnis weiterhin menschliche Fähigkeiten.
In einer zunehmend digitalisierten Welt stellt sich daher nicht nur die Frage, was technisch möglich ist, son- dern auch, wie wir unsere Menschlichkeit bewahren können. Denn trotz permanenter Vernetzung erleben viele Menschen heute Einsamkeit, innere Distanz und einen Verlust echter zwischenmenschlicher Nähe. Die
eigentliche Herausforderung der Zukunft liegt daher vielleicht weniger in der Entwicklung immer leistungs- fähigerer Systeme als vielmehr darin, technologische Innovation mit menschlicher Reife, Bewusstsein und Verantwortung in Einklang zu bringen.
WO BLEIBT DIE LEHRE DER AUSDRUCKS-PSYCHOLOGIE DABEI?
WIE WIRD IHR STELLENWERT BEEINFLUSST?
Künstliche Intelligenz basiert heute zu einem wesentlichen Teil auf maschinellem Lernen. In diesem Zusam- menhang wird sinngemäss häufig der Gedanke formuliert: „Nur Maschinen können Maschinen verstehen.“ Diese Aussage lässt sich Alan Turing zwar nicht wörtlich zuschreiben, steht jedoch sinngemäss in Zusam- menhang mit seinen Überlegungen zur Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Gerade hier stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Ausdruckspsychologie in einer zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägten Welt noch hat – und welchen Stellenwert sie künftig einnehmen wird.
Problematisch wird es insbesondere dann, wenn grundlegende menschliche Erfahrungsdimensionen wie Menschenkenntnis und Empathie von KI-Systemen nicht angemessen erfasst werden können. In solchen Fällen kann es dazu kommen, dass KI-Systeme Inhalte generieren, die zwar plausibel wirken, aber faktisch unzutreffend sind – man spricht dabei auch von sogenannten „Halluzinationen“. Wenn wir uns zunehmend oder letztlich sogar vollständig auf die Bewertung durch KI verlassen, besteht die Gefahr, dass wir etwas Wertvolles und zutiefst Menschliches verlieren – nämlich:
WO BLEIBT DER MENSCH MIT SEINE BESONDEREN QUALITAETEN?
Die Physiognomik versteht den Menschen als individuelles Wesen mit ganz eigenen Stärken, Talenten, Heraus- forderungen und Entwicklungsmöglichkeiten. In ihre Betrachtung fliessen dabei auch Mimik, Gestik, Körper- sprache und Ausdruck ein – getragen von der Annahme, dass sich innere Eigenschaften im äusseren Erscheinungsbild widerspiegeln können.
Künstliche Intelligenz kann wertvolle Unterstützung bei der Analyse grosser Datenmengen, bei statistischen Auswertungen sowie bei komplexen Informationsprozessen bieten. Dennoch bleibt der Mensch mehr als die Summe seiner messbaren und analysierbaren Daten. Individuelle Lebenserfahrung, Intuition, Empathie und zwischenmenschliche Wahrnehmung lassen sich nur begrenzt technisch erfassen. KI kann deshalb ein hilfreiches ergänzendes Instrument sein – sie sollte jedoch den menschlichen Blick, die persönliche Verant- wortung und die direkte Begegnung zwischen Menschen nicht ersetzen.
MASCHINELLE BEURTEILUNG IM PERSONAL-REKRUTIERUNGSPROZESS?
Wenn künstliche Intelligenz auf Knopfdruck Bilder, Analysen oder Einschätzungen über Menschen bereitstellt, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit wir solchen Ergebnissen vertrauen sollten. Könnte es nicht sein, dass der Mensch zunehmend dazu neigt, seine eigene Wahrnehmung, Intuition und Urteilskraft zu vernach- lässigen, wenn technische Systeme immer mehr vorbereiten oder gar Entscheidungen abnehmen? Je
grösser die Abhängigkeit von algorithmischen Prozessen wird, desto schwieriger könnte es werden, zwischen Echtheit und Inszenierung sowie zwischen authentischer Wahrnehmung und künstlich erzeugten Eindrücken zu unterscheiden. Gerade im Personal-Rekrutierungsprozess gewinnt diese Frage besondere Bedeutung: Wie viel menschliche Beurteilung darf durch maschinelle Einschätzungen ersetzt werden, ohne dass wesentliche Aspekte der Persönlichkeit und des menschlichen Ausdrucks verloren gehen?
KANN JETZT JEDER ALLES, SO WIE ES KI VERSPRICHT?
Künstliche Intelligenz eröffnet faszinierende Möglichkeiten und erleichtert den Zugang zu Wissen, Informatio- nen und kreativen Werkzeugen in einem bisher kaum vorstellbaren Ausmaß. Doch technologischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch, dass menschliche Erfahrung, Reife und Verständnis beliebig ersetzbar werden.
KI kann Daten analysieren, Muster erkennen und Inhalte generieren. Doch tiefes menschliches Verständnis entsteht nicht allein aus Informationen, sondern auch aus Lebenserfahrung, Empathie, Intuition und bewus- ster Wahrnehmung. Gerade deshalb bleibt entscheidend, wie wir mit dieser Technologie umgehen. KI kann uns unterstützen, inspirieren und neue Perspektiven eröffnen – vorausgesetzt, der Mensch behält Verantwor- tung, Urteilskraft und innere Orientierung.
Die Gefahr liegt möglicherweise nicht in der Technologie selbst, sondern darin, die eigenen Fähigkeiten zunehmend an technische Systeme abzugeben. Denn menschliche Erkenntnis entsteht nicht nur durch Berechnung, sondern auch durch Erfahrung, Gefühl und Bewusstsein.
In jedem Menschen liegen Potenziale, Kreativität und innere Stärke, die sich nicht vollständig automatisieren lassen. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung unserer Zeit deshalb darin, künstliche Intelligenz sinnvoll zu nutzen, ohne dabei die Verbindung zu unserer eigenen Menschlichkeit zu verlieren.
VERLIEREN WIR NICHT DEN GLAUBEN AN UNS SELBER!
Wir entwickeln uns mit der Welt weiter, auch wenn sie sich rasant verändert. In einer zunehmend technisierten Zeit bleibt es eine bewusste Entscheidung, Menschlichkeit, Empathie und echte zwischenmenschliche Nähe zu bewahren.
Je bewusster ein Mensch seinen eigenen Wert erkennt und lebt, desto mehr kann er auch andere dazu inspirieren, an sich selbst und an ihre eigene innere Stärke zu glauben.
Markus E. Straubinger
August 2026