KI in der Personalauswahl
- Markus Straubinger
- 12. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Der Psychophysiognom sieht sich in der Verantwortung, zu reflektieren, ob, in welchen Bereichen und in welchem Ausmass künstliche Intelligenz in der spezifischen Beratungstätigkeit an Bedeutung gewinnen soll. Dabei stellt sich die grundlegende Frage, ob künstliche Intelligenz oder algorithmische Systeme benötigt werden, die die „Wissenschaft des Menschen“, die Psycho-Physiognomik, unterstützen oder beraten, und inwiefern diese die Arbeit mit Ratsuchenden sachgerecht und zweckdienlich ergänzen können. Daraus erwächst die Verpflichtung, im Umgang mit KI klare Grenzen zu definieren, insbesondere im Hinblick auf fachliche Verantwortung, ethische Leitlinien sowie den Schutz der Persönlichkeit der Ratsuchenden. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, inwieweit wir bereit sind zu akzeptieren, dass unsere Entscheidungsfreiheit und Urteilsautonomie durch den Einsatz solcher Technologien beeinträchtigt oder gar eingeschränkt werden könnte.
Die Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz sind vielfältig, und in der Arbeitswelt herrscht Konsens darüber, dass KI zahlreiche Berufsbilder und Branchen nachhaltig transformieren wird.
Künstliche Intelligenz hat im Personalwesen (HR) bereits festen Fuß gefasst. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die technisierte Personalselektion: Algorithmen verarbeiten und strukturieren dabei enorme Informationsmengen. Die so gewonnene Information dient zunehmend als Grundlage für Entscheidungen. Mittlerweile läuft die Stellensuche vollständig online ab, wobei ein Algorithmus die Daten umgehend analysiert und Bewerbungen filtert, die nicht exakt dem geforderten Stellenprofil entsprechen.
Dabei können Faktoren wie Alter, Geschlecht, Datum der letzten Weiterbildung, Dauer der bisherigen Anstellung, Stil des Motivationsschreibens und weitere Kriterien eine Rolle spielen. Um Fehlbesetzungen zu minimieren, wird der Auswahlprozess kontinuierlich komplexer gestaltet – und der Algorithmus rückt zunehmend in die Rolle des entscheidenden Akteurs.
Dies ist problematisch, da hierdurch wertvolle Chancen verschenkt werden. Insbesondere geht es dabei um die Möglichkeit einer persönlichen Vorstellung und Präsentation, um ein authentisches Kennenlernen des Kandidaten bzw. der Kandidatin sowie um ein Gespräch, in dem Empathie sowie Mimik, Gestik und Körpersprache voll zur Geltung kommen können. Empathie – die Fähigkeit, die Gefühle einer anderen Person zu verstehen und mitzufühlen – ist eine genuin menschliche Kompetenz, die Robotern verwehrt bleibt. Künstliche Intelligenz bleibt in dieser Hinsicht emphatielos. Menschen verarbeiten Eindrücke darüber hinaus durch Intuition – unser Bauchgefühl. Diese intuitive Intelligenz orientiert sich nicht an rein mathematischen, physikalischen oder biologischen Gesetzmäßigkeiten, sondern an individuellen Mustern, die sich durch persönliche Lebenserfahrung als zuverlässig erwiesen haben. Sie ist daher genauso bedeutsam wie die analytische Intelligenz. Während KI-Systeme stetig leistungsfähiger werden und uns bei vielen Aufgaben unterstützen können, dürfen wir die Intuition nicht vernachlässigen. Wir müssen sie keinesfalls verlernen!
Die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Physiognomik – das Lesen in Gesichtern – sind ein hochaktuelles Thema. Automatische Gesichtserkennung ist bereits weit verbreitet, und gut trainierte KI-Systeme können Gesichtsmerkmale zuverlässig erkennen und unterscheiden. Der Algorithmus wird mit Gesichtsmerkmalen und -ausdrücken gespeist und entsprechend trainiert. Das Lesen von Gesichtern, Kopfformen, Körpersprache, Mimik und Gestik ist – wie wir wissen – hochkomplex. Es geht weit über das bloße Ablesen von Merkmalen hinaus und erfordert Wissen, Gefühle, Intuition sowie Resonanz mit dem Gegenüber. Entscheidend sind dabei subtile Signale wie fehlender Blickkontakt oder die Schallwellen unserer Stimmen.
Künstliche Intelligenz besitzt weder Bewusstsein noch Gefühle oder Intuition. Das Bewusstsein gleicht einem weiten Ozean, dessen Wellen die neuronale Aktivität im Gehirn symbolisieren. Jede Welle bleibt einzigartig und vergeht, ebenso wie jeder Gedanke und jedes Gefühl, das wir durchleben. Obwohl die Wellen das sind, was wir sehen und erleben, stellen sie nicht alles dar, was in diesem riesigen Ozean existiert. In der Tiefe laufen Strömungen und Bewegungen ab, die uns verborgen bleiben, jedoch für die Entstehung der Oberflächenwellen von entscheidender Bedeutung sind. Ein System ohne Bewusstsein kann diese Tiefenströme weder richtig wahrnehmen noch adäquat auswerten.
«Bewusstheit ist grundlegend. Wir können ihr nicht entkommen. Alles, worüber wir sprechen, alles was wir als existent betrachten, setzt Bewusstsein voraus». (Max Planck)
KI als Werkzeug in der psychophysiognomischen Beratung? Teilweise ja – jedoch mit äußerstem Bedacht und größter Vorsicht. Nicht als Entscheidungsinstanz, sondern allenfalls als Hilfsmittel bei Auswertungen, Statistiken und unter strenger Wahrung moralischer sowie ethischer Prinzipien.
Der Mensch steht im Mittelpunkt – als Individuum und Sinneswesen mit Empathie, Bewusstsein und Unterbewusstsein, Emotionen sowie Intuition. Diese wertvollsten Attribute machen uns zu etwas ganz Einzigartigem und unterscheiden uns grundlegend von KI.
Markus E. Straubinger, Physiognomiker
Februar 2026

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